Ein kleiner Exkurs über das Sein im Allgemeinen und den Australier im Speziellen

Eines steht fest: wenn ich wieder in Deutschland bin, werde ich jedem erzählen, wie gut es mir geht. Wieso? Weil ich es hier JEDEM erzähle, weil hier JEDER fragt, JEDEN Tag. "How are you? und "How is it going?" (man hebe die Stimme am Ende des Satzes, eine Tatsache, die Amerikaner und Engländer gleichermaßen befremdet), und man greift auf sein Repertoire zurück, was immer abrufbereit stehen sollte: "Fine, Thanks.", "I am good!" (Stimme nach oben), "How are YOU doing?", auch wenn man den miesesten Tag seit Jahrzehnten hat. Mir hat unheimlich geholfen, die Frage nicht als Frage zu sehen, sondern als "Hallo!"; das macht es definitiv einfacher zu antworten. Wir Deutschen ticken da halt anders. Wenn man wirklich mal sagt, wie es einem geht, können die Australier mit der Antwort oft nicht umgehen; auch wenn sie sehr offen erscheinen, ist das Private wirklich privat, und dazu zählen auf jeden Fall Gefühle jeglicher Art.

Australier bewahren ihre Fassade nach außen, und es dauert eine Weile, um sie so gut kennen zu lernen, um ihre wahre Meinung zu den Dingen zu erfahren. Ist auch nicht so einfach, wenn die allgemeine Predigt "No worries!" Nationalsprachtum ist. Wenn es dann aber mal soweit ist mit dem Vertrauen, können sie sich super ärgern: "Bitch" (Schlampe), "Retard" (Idiot) und "He's one sandwich short of a picnic" (Er hat sie nicht alle) ist nur eine kleine Auswahl an Nettigkeiten im Alltag der Australier. Sie haben ihre eigene Sprache und kürzen alles, was möglich ist, ab. Sie haben einen guten, sarkastischen Humor und nehmen sich oft selbst nicht so ernst, was sie sehr sympathisch macht. Australien ist DIE Nation wohltätiger Zwecke. Ohne Übertreibung kann ich sagen, dass jede Woche eine Charityaktion in der Firma stattfindet, wo Geld gesammelt wird, Unterschriften, Stimmen und was sonst noch. Im Moment sind wir im MOVEMBER, was soviel heisst wie die Männer rasieren sich den ganzen Monat nicht, um die Menschen aufmerksam zu machen auf Männerprobleme wie Depression (jeder 6. Mann) und Prostatakrebs. Von dieser Spezialität komm ich zur nächsten, die damit eng verbunden ist. Kein Australier ward je gesehen, der nicht einmal pro Woche in die Laufschuhe schlüpft! Es ist nicht ungewöhnlich, für einen guten Zweck mehrere Marathons zu laufen, auch mal 100 km über Berg und Tal, 250 km durch die Sahara in Marokko, 100 km zu rudern oder einen doppelten Iron Man zu absolvieren. Und ich rede nicht von Olympiateilnehmern, ich rede von Leuten wie Du und ich. Ich war noch nie in so einem sportverrückten Land wie Australien. Gott bewahre, wer als Kind unsportlich ist, ist gebranntmarkt fürs Leben. Hat man es als Erwachsener noch immer nicht geschafft in die Liga der Aktiven, muss oft ein Personal Trainer ran. Da wird dann um 5 Uhr morgens mit dem Kanu rausgefahren und zwischendurch am Strand angehalten, nein, nicht zum Ausruhen, zum Sprinten! Wer dann noch das Gefühl hat, nicht ins Himmelreich aufgenommen worden zu sein, hilft sich mit Proteinpulver Marke Fitness First und 'nem Jahresabo bei Letztgenannten, was zur Folge hat, dass jeder Dritte in Sydney mit diesem Rucksack herumläuft.

Neben diesem Thema steht noch ein anderes ganz weit oben auf der Liste, gerade in Sydney: SHOPPING! Männer wie Frauen stylen sich bis zum Umfallen, neueste Mode, neuester Haarschnitt. Ohne High Heels und Kleid gehts nicht raus abends. Ich habe mal drauf geachtet und an einem ganzen Abend nur EINE Frau mit einer Hose gesehen (haha, neben mir natürlich, ich Revoluzzerin). Viel Haut, großer Ausschnitt, der in züchtigen Filmen für einen Rausschnitt sorgen würde. Dann gehts los Freitag abends, das ist the big night out für Sydneysider. Da man um 18 Uhr schon anfängt mit Feiern, ist um 1 Uhr schon oft der größte Spaß vorbei; in vielen Clubs wird man um 3 Uhr hinausbefördert. Find ich eigentlich gar nicht so schlecht, dann kann man noch ausschlafen und hat noch was vom Tag :-)

Australier lieben Europa. Jeder will einen Pass haben und nach England gehen für eine Weile. Sie lieben die Idee, von einem Land zum anderen zu fliegen, während man in Australien in 1500 km immer noch im eigenen Land ist.

Viele tanzen gerne, auch Männer. Man trinkt gern Bier und wettet. Der Melboune Cup, der gestern stattfand (Pferderennen), ist in Melbourne Feiertag. Aber auch in Sydney arbeitet man kaum, man muss sich anstellen im Wettbüro. 3 Minuten entscheiden über Sieg oder Niederlage. Es werden Millionen gewettet. Ich hab 30 Dollar gewonnen, mit Bauer, dem Pferd (es hieß wirklich so).

Ja, und die Sonnenbrillen. Man trägt sie immer und überall. Ohne geht nicht, auch wenn's bedeckt ist und 15 Grad hat. Im Bus schaut man sich nicht an, da hilft eine Sonennbrille auch mal, die Person gegenüber zu beobachten.

Und ich muss ins Bett. Mir fallen bestimmt noch viele andere Dinge ein. Sie sind auf jeden Fall ein sehr nettes (ziemlich durchgeknalltes) Volk - so ein bisschen Crocodile Dundee kann sich schon wiederfinden ;-)

Ich hoffe, das macht Euch Lust, mich mal besuchen zu kommen und das selber zu entdecken! In diesem Sinne Gute Nacht!

Dagi

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